“... und schuf sie als Mann und Frau...” - Gender Mainstreaming -
Ein Thesenpapier der Männerarbeit der EKD
"Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und er schuf sie als Mann und Frau". Von diesem Menschenbild, wie es in Genesis 1,27 beschrieben wird, geht die Männerarbeit aus und setzt sich entsprechend für ein Geschlechterverhältnis ein, das auf der Verschiedenheit und Gleichwertigkeit von Männern und Frauen gegründet ist.
I. Gender Mainstreaming geht von der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen aus
Das Gender-Konzept beinhaltet, dass die Geschlechterrollen sozial und kulturell geprägt und deshalb veränderbar sind. Die biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern werden deshalb nicht mehr als Rechtfertigung für gesellschaftliche Privilegierungen bzw. Benachteiligungen akzeptiert. Das Gender-Konzept macht zugleich bewusst: Männer haben ein Geschlecht, das bei der Anerkennung der Gleichwertigkeit der Geschlechter zu berücksichtigen ist, ohne dass daraus Dominanzansprüche abgeleitet werden können. Die Vorstellung, dass der vorherrschende männliche Lebensentwurf die Norm bildet, an der sich Frauen (und auch Männer) zu orientieren haben, wird als Ideologie entlarvt.
II. Gender Mainstreaming ist eine politische Strategie zur Durchsetzung demokratischer Verhältnisse und Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen
Gender Mainstreaming ist eine umfassende politische Strategie zur Gleichstellung von Männern und Frauen. Sie besteht darin, dass bei der Planung, Durchführung und Bewertung aller Vorhaben und Maßnahmen die unterschiedlichen Voraussetzungen, Bedürfnisse und Folgen für Männer und Frauen von Anfang an mitbedacht werden. Ziel des Gender Mainstreaming ist die Herstellung von demokratischen Verhältnissen zwischen Männern und Frauen, die Implementierung von Geschlechterdemokratie und Chancengleichheit in alle politischen Entscheidungsprozesse und letztlich eine Gestaltung der gesellschaftlichen Realität, die zu einer umfassenden Entfaltung der Gaben und der Verantwortung von Männern und Frauen führt. Planungs- und Entscheidungsinstanzen werden rechenschaftspflichtig.
Gegenüber dem Ansatz der Frauenbewegung, des Feminismus und der Frauenpolitik bedeutet das Gender-Konzept eine deutliche Akzentverschiebung. Der Fokus ist nun nicht mehr auf Frauen gesetzt, sondern auf das Verhältnis der Geschlechter; die Dynamiken und Kräfteverhältnisse, die Hierachien und Unterordnungen, die sich darin finden, werden analysiert, reflektiert und gezielt verändert.
III. Gender Mainstreaming erweitert die bisherige Frauenpolitik durch eine gezielte Männer- und Frauenförderung
Um zu Geschlechtergerechtigkeit zu gelangen, bedarf es einer gezielten und an der Lebenswirklichkeit von Männern und Frauen orientierten Männer- und Frauenförderung. Männerförderung im Sinne dieser Begriffsdefinition bedeutet beispielsweise:
Entwicklung eines positiven Männerbildes und Überwindung "hegemonialer" Männlichkeit Veränderung von Leistungs- und Karrieremustern sowie von Arbeitsstrukturen bei Männern und Frauen Schutz von Männern und Frauen vor Gewalt Förderung von Männern in Pflege- und Erziehungsberufen Förderung männerspezifischer Gesundheitssysteme (Männergesundheitsbericht, Männerärzte, Männerheilkunde, Vorsorgestrategien) Die Sensibilisierung von Männern und Frauen für die Notwendigkeit, das Geschlechterverhältnis aktiv zu gestalten, wird Bestandteil des politischen Prozesses.
IV. Gender Mainstreaming hilft, die biblische Perspektive der Gleichwertigkeit von Männern und Frauen auch innerhalb der Kirche neu zu gestalten
Mit der Implementierung des Gender Mainstreaming in den kirchlichen Raum wird eine neue, Gen 1,27 entsprechende Qualität der Gemeinschaft von Männern und Frauen in der Kirche angestrebt, die die Ziele und Perspektiven der EKD-Synode von Bad Krozingen (1989) aufgreift und ihrer Realisierung näherbringt. Die Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit ist daher nicht mehr nur Aufgabe von Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten und engagierten Frauen, sondern von allen Entscheidungsgremien. Vor allem ist es dringend notwendig, dass Männer die Geschlechterfrage zu ihrer eigenen Sache erklären und sich aktiv an dem Gender-Prozess beteiligen.
Gender Mainstreaming ist eine Methode, mit deren Hilfe neue Leitbilder erstellt und Prioritäten bestimmt werden, um Zukunft gerechter zu gestalten. Einige Fragen, die kirchliches Alltagsleben bestimmen, machen deutlich, welche Dimensionen der Wahrnehmung diese neue Perspektive eröffnen könnte:
Welche Finanzen einer Kirchengemeinde werden für welche Veranstaltungen aufgewandt und wem dienen sie - Männer oder Frauen? Wie wird die jeweilige Entwicklungssituation von Jungen und Mädchen in Kindertagesstätten berücksichtigt, welche Arbeitsbedingungen für Männer, welche Beteiligungsformen für Väter gibt es? Wieviele Männer und Frauen sind in die Gottesdienstgestaltung eingebunden und welcher Ritus oder welche Musik spricht wen an? Welche Auswirkungen hat es auf den Sitzungsstil und die Kommunikationsformen, dass heute in den Presbyterien und Gemeindevorständen mehr Frauen als Männer sitzen? Welche Berücksichtigung finden spezielle Männer- und Fraueninteressen im Gemeindealltag? Wie wird sich die Personalentwicklung in unseren Gemeinden angesichts zurückgehender männlicher Studentenzahlen gestalten? Eine am Prinzip des Gender Mainstreaming orientierte evangelische Männerarbeit wird sich auch mit den eigenen Wurzeln, insbesondere den biblisch begründeten und kirchlich geschichtlich tradierten Rollenbildern, auseinanderzusetzen haben. Denn es gilt, die Geschlechtergerechtigkeit als Ausdruck der biblischen Vorstellung von Gerechtigkeit zu definieren:
"In der Sprache der Bibel meint Gottes Gerechtigkeit seine Gnade und Verheißungstreue. Sie wird gerade dort sichtbar, wo Gott in Jesus Christus dem Menschen begegnet, ihn annimmt, seine Schuld vergibt und ihm die Chance auf ein neues Leben eröffnet. ... Dieser neue Lebenshorizont zeigt sich, wo Menschen sich in Liebe begegnen, eintreten für Unterdrückte, unschuldig Angeklagte, Arme, Entrechtete. Der christliche Glaube fordert Männer heraus, Gottes Gerechtigkeit gerade dort sichtbar zu machen, wo Männerwelten gerechten Beziehungen entgegenstehen." (Konzeption der Männerarbeit der EKD 1995)
Hannover, 08.5.2003 Die Mitgliederversammlung
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