Lange Zeit galt das Wort der Theologin Dorothee Sölle unhinterfragt, die Männer für emotional amputiert und für religiöse Analphabeten hielt. Gewiss stößt man auch in der geschlechtsspezifischen kirchlichen Arbeit mit Männern immer wieder auf das Tabu der Männer, über Transzendenz, Gott und Glaube zu sprechen. Doch sollte die Schlussfolgerung nicht zufrieden stellen, dass eine solche Tabuisierung des Religiösen gleichbedeutend sei mit einer Art spirituellen Vakuums und der Unfähigkeit der Männer, die eigene konkrete Lebenswirklichkeit sinnlich zu überschreiten. Es gilt der tiefen Sehnsucht der Männer auf die Spur zu kommen, ihrem Leben Sinn und Orientierung zu geben – und natürlich darüber etwas zu erfahren, welchen Stellenwert Männer dabei der Kirche einräumen.
Diesen Fragestellungen widmet sich das Forschungsprojekt, das am Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur in Bayreuth angesiedelt war und von der Männerarbeit der EKD und der Kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und -arbeit in den deutschen Diözesen in Auftrag gegeben wurde. Ziel der Studie war es herauszufinden, wie vor allem solche Männer ihre Lebensinhalte und ihre Sinndimensionen anordnen, die Sinn- und Wertfragen nicht a priori als religiöse Fragestellungen definieren und nicht in besonderer Nähe zu einer der großen Kirchen stehen. Befragt wurden daher kirchenferne Männer zwischen zwanzig und siebzig Jahren aus Bayern und Sachsen – Singles, in Partnerschaft lebende Männer und Familienväter aus unterschiedlichsten Berufen. Darunter befanden sich Männer, die nie einer Kirche angehörten, solche, die aus der Kirche ausgetreten waren, aber auch Männer, die nach wie vor Mitglieder einer christlichen Kirche sind. Die Befragung geschah in Form von persönlichen Interviews. Dahinter stand die Idee, die Sinnkonstruktionen der Gesprächspartner so einzufangen, wie sie ihren Alltag prägen und steuern. Einige der wichtigsten Ergebnisse seien im Folgenden pointiert zusammengefasst.
Was im Leben der Männer Sinn „macht“, liegt für die allermeisten der Interviewpartner nicht auf der Ebene ihrer Weltbilder oder Kosmologien. Die Ideen und Vorstellungen, die Männer darüber haben, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, geben nur einen Rahmen ab, innerhalb dessen sie sich mit dem beschäftigen, was ihr Leben eigentlich ausfüllt und lebenswert macht.
Einer der entscheidenden Pole, zwischen denen sich die Schilderungen der Männer bewegen, gehört zum herkömmlichen Klischee von „Männlichkeit“: Lebenssinn liegt in dem, was Männer erschaffen und aufbauen. Die beiden zentralen Bereiche sind – natürlich – die eigene Arbeit, aber auch die eigene Familie. Doch gerade die Erzählungen und Reflektionen der Männer zu ihrer Berufstätigkeit geraten vielschichtig und zwiespältig. Ob selbstständig, arbeitslos oder auf ein erfolgreiches Berufsleben zurückblickend - bei allen Männern spürt man, dass ihr Blick eher auf die eigene Leistung und Verantwortung als auf die getane Arbeit selbst fällt, nicht zuletzt deshalb, weil sie erleben, wie schnell technische, wirtschaftliche und politische Umwälzungen die Erträge ihres Arbeitslebens obsolet gemacht haben oder jederzeit zu machen drohen.
Die Mehrzahl der Gesprächspartner, die in Familien leben, nehmen ihre Verantwortung für die Familie sehr ernst. Dabei stellt sich heraus, dass der stabilisierende Faktor in diesem Kontext oft eher die Kinder als die Partnerin sind. Dabei unterliegt die Partnerschaft weit stärker dem einen Kriterium der Wahl. In dem Moment wo die Kinder da sind, gilt es, die Verantwortung anzunehmen und durchzustehen. Die Frage der Partnerschaft dagegen bleibt die ganze Zeit über prekär. Insgesamt fällt jedoch auf, wie viel über Partnerschaft und über Kinder gesprochen und nachgedacht wird. Für die meisten Gesprächspartner ist es das zentrale Lebensthema.
Sinn wird von Männern aber auch ganz konkret erlebt. Wohl wird nicht jedes Ereignis im Leben auch als sinnvoll eingeschätzt. Krisen, Niederlagen und Krankheiten sind Lebensereignisse, denen die Männer sich stellen, durch die sie sich hindurch zu kämpfen versuchen oder die sie resignierend hinnehmen. So gut wie nie finden sich Darstellungen, in denen die Krisen selbst als sinnvolle Lebensphasen geschildert werden; wichtig ist für die Männer ihre Überwindung und gelegentlich die Lehren, die sie daraus zogen.
In der Art und Weise, wie die Gesprächspartner erzählen und über ihr Leben nachdenken, manifestieren sich eine Reihe von Haltungen gegenüber dem Leben. Im Ergebnisbericht werden sie als Leitmotive bezeichnet, weil sie unabhängig von den konkreten Episoden die Erzählungen und Reflexionen begleiten und in bestimmte Schattierungen tauchen. Fünf solcher Motive konnten identifiziert werden: „Kampf“, „Lernen und Abenteuer“, „Beziehung“, „Kreativität“ und die in allen Interviews durchwegs präsente Ebene der Spannung zwischen „Selbst- und Fremdbestimmung“ im eigenen Leben. Alle Gesprächspartner neigen dazu, ihr Leben in fremdbestimmte und selbstbestimmte Zeiten und Räume einzuteilen. Dabei geht es um die vielen Gegenwelten, die sich Männer suchen, um in einer Welt der beruflichen Belastung und Fremdbestimmung und der vielfältigen Verantwortlichkeiten ihres Lebens Entlastung zu finden. Eine zentrale Rolle spielt in den Interviews dabei die Natur, die die große und romantisch geschilderte Gegenwelt ist, in der die Männer wieder Kraft zu schöpfen hoffen.
Deutlicher als in jedem anderen Bereich ziehen die Interviewpartner hier Verbindungen zu ihren Kosmologien. Ihre Deutungen der Natur fallen dabei recht unterschiedlich aus: Viele vertreten ein darwinistisch inspiriertes oder evolutionsbiologisches Weltbild, etliche deuten die Natur selbst als etwas Göttliches, andere betrachten Natur als Ausdruck eines unterschiedlich gedachten höheren Wesens. Unabhängig von der Deutung suchen fast alle Gesprächspartner das Erlebnis der Natur und geben sich ihrer Faszination hin. Die Natur bildet für viele eine entscheidende Gegenwelt; ein Gesprächspartner bezeichnet sie als „reinigend“’ – gegenüber dem Leistungs- und Profitdenken, der Hetze und fremdbestimmter Pflicht.
Neben ihren Beziehungen zur Natur berichten die Gesprächspartner auch von sinnstiftenden Erlebnissen in Bereichen wie Musik oder Sport. Allen ist gemeinsam, dass der entscheidende Sinn des Erlebnisses dabei immer im Erleben selbst liegt. Etwas Erfüllendes zu erleben, ist immer schon Sinn in sich, auch wenn das Erlebnis noch über sich hinausweisen kann.
Im Anschluss an diese Fragen wollte die Forschergruppe wissen, an welchen Stellen in diesen Konstruktionen die beiden großen Kirchen ihren Platz finden. Die Ergebnisse sind für Kirche auf den ersten Blick wenig erfreulich.
Was die Haltung der Männer zu „Religiosität“ und Kirche angeht, zeigt sich: Die vielfach vertretene Annahme, dass mit zunehmender Kirchenferne religiöses Wissen, Kirchenkontakt und religiöse Überzeugungen stets in gleichem Maße abnehmen, bis sie irgendwann gleichzeitig den Nullpunkt erreichen, ist unzutreffend. Die Gesprächspartner wiesen sehr unterschiedliche Kombinationen von religiösem Wissen aus unterschiedlichen Traditionen und sowohl innere Nähe wie Distanz zu Kirche bzw. christlicher Lehre auf. Die meisten nehmen unabhängig von Kirchennähe oder -ferne die pädagogischen, seelsorgerlichen und sozialen Angebote kirchlicher Einrichtungen und vor allem die Kasualien der Amtskirche in Anspruch. Dem entspricht, dass der Begriff „Religion“ sehr vielfältig und unterschiedlich verwendet wird. Manchmal wird er mit Christentum und Kirche gleichgesetzt, häufig aber auch als Gegenbegriff verwendet.
Bei ostdeutschen Männern findet sich zwar mehrheitlich die Haltung einer überwiegend gleichgültigen Kenntnislosigkeit, doch gibt es hier deutlich mehr erinnerte Kontakte und auch ausgeprägtere Haltungen zu Religion und Kirche, als man zunächst vermuten würde. Auch in Westdeutschland stehen den Kirchen eindeutig keine kenntnislosen, gleichgültigen Männer gegenüber. Mit wenigen Ausnahmen haben sie alle den schulischen und kirchlichen Religionsunterricht durchlaufen und hier biographisch prägende Erfahrungen gemacht. Mehrheitlich lassen sie sich einer Überzeugung zuordnen, die einer der Gesprächspartner mit den Worten: „Ja zu Gott, nein zu seinem Bodenpersonal“ auf den Punkt gebracht hat, wobei die Vorstellungen von Gott – häufig eng mit Naturvorstellungen verbunden – eine enorme Variationsbreite aufweisen.
Stellt man die Frage, ob und wie mit kirchenfernen Männern wieder kirchliche Kontakte zu knüpfen sind, sind zwei Aspekte wichtig: Vorbedingung wäre einerseits, dass sie sich von der von ihnen misstrauisch beäugten Hierarchie als Gesprächspartner sowohl in ethischen als auch in dogmatischen Fragen ernst genommen fühlen und dass Kirche andererseits sich verstärkt darum bemüht, eine auch sozial wirksame, offene Gegenwelt zu all den gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen zu bilden, die die Männer mit Skepsis und dem Gefühl der Fremdbestimmung beobachten, in denen sie aber zu leben und zu überleben genötigt sind. Anzuknüpfen ist dabei auf jedem Fall bei den vielen erinnerten positiven Begegnungen der Männer mit kompetenten und charismatischen Persönlichkeiten, die für die Glaubwürdigkeit der Kirche stehen.
Autor des Ergebnisberichtes:
Dr. Martin Engelbrecht, Soziologe, Nürnberg, engelbrechtgraf@nefkom.net
Durchführendes Institut:
Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur, Universität Bayreuth, Leiter: Prof. Dr. Christoph Bochinger
Trägerorganisationen:
Männerarbeit der EKD, Kassel
Kirchliche Arbeitsstelle für Männerseelsorge und -arbeit in den deutschen Diözesen, Fulda