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Männer und Pflege

1.
In der „Gesellschaft des langen Lebens“ ist die Pflege alter Menschen eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung – auch für Männer.

Das Thema „Pflege“ ist entgegen seiner Bedeutung in der gesellschaftlichen Diskussion immer noch unterrepräsentiert. Das wird sich bereits in Kürze verändern, da sich die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten 20 Jahren von heute rund 2 Millionen auf gut 3 Millionen erhöht. Weiterhin ist davon auszugehen, dass auch in Zukunft etwa zwei Drittel der zu Pflegenden zu Hause gepflegt werden. Die demographisch bedingte Zunahme von Pflegefällen, der gleichzeitige Rückgang des Anteils der Jüngeren, die zunehmenden Anforderungen in der Arbeitswelt sowie die Mobilitätserwartungen werden die Belastungen in der häuslichen Pflege deutlich erhöhen. Auch das veränderte Rollenverständnis von Männern und Frauen führt dazu, dass ohne eine stärkere Beteiligung der Männer diese Aufgaben zukünftig nicht zu bewältigen sind.

2.
Pflege ist bis in die Gegenwart hinein weiblich konnotiert.

Über 70 Prozent der Hauptpflegepersonen in der häuslichen Pflege sind Frauen – Ehefrauen, Töchter, Schwieger- oder Enkeltöchter. Noch eindeutiger ist der weibliche Anteil in der professionellen Pflege. Nach den Angaben der Pflegestatistik 2007 beträgt der Frauenanteil in den ambulanten Pflegediensten 88 Prozent und in den Pflegeheimen 85 Prozent. Zu Recht ist eine geschlechtergerechte Verteilung der Fürsorge- und Pflegeaufgaben zu fordern.

3.
Männer sind deutlich aktiver an der Pflege beteiligt als allgemein angenommen und immer wieder behauptet wird.


Die Tatsache, dass 27 Prozent der Hauptpflegepersonen in der häuslichen Pflege männlich sind, scheint im öffentlichen Bewusstsein ausgeblendet zu sein. Beachtlich ist auch die prozentuale Beteiligung der Männer an der Pflege mit 5 % (bei Frauen sind es 8 %). Das erklärt, warum schon die Verfasser des 4. Altenberichtes (2002) wie auch das Sozioökonomische Panel (2007) überrascht sind über „die Beteiligung der pflegenden Ehemänner“ bzw. vom „hohen Pflegemanagement älterer Männer“. Männer und Pflege sind bereits eine gesellschaftliche Tatsache, die als Vorbild für andere sichtbar gemacht werden muss.

4.
Der Anteil der pflegenden Männer ist in den letzten Jahren deutlich angestiegen.


Während die Männer 1991 nur mit 17 Prozent an der Pflege beteiligt waren, sind es heute bereits fast 30 Prozent. Diese positive Entwicklung muss sich im Interesse der Geschlechtergerechtigkeit fortsetzen. Auch kann zukünftig nicht erwartet werden, dass vollerwerbstätige Frauen Pflegeaufgaben in der bisherigen Weise allein erbringen. Während sich Männer in der nachberuflichen Lebensphase schon heute überproportional beteiligen, sind jüngere Männer nur selten willens, Pflegeaufgaben zu übernehmen. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Rollenerwartungen bewirken, dass Frauen wegen der Übernahme von Pflegeaufgaben die Erwerbsarbeit oft einschränken oder sogar einstellen, während Männer, wenn sie Familienernährer sind, in der Vollzeittätigkeit verbleiben.

5.
Männer pflegen anders als Frauen.

Für Männer ist Pflege bisher vor allem ein Beziehungsgeschehen: Sie verbinden damit weniger eine soziale Verpflichtung. Im Vordergrund der Partnerinnenpflege stehen Liebe und Dankbarkeit. Viele wollen als Pflegende zurückgeben, was sie im Laufe ihrer Partnerschaft an Zuwendung und Unterstützung erhalten haben.
Männer unterscheiden sich aber auch in der Organisation der Pflege von den Frauen. Sie sehen hierin vor allem eine Aufgabe, die organisiert und bewältigt werden muss. Dazu nehmen sie frühzeitig fremde Hilfe in Anspruch und lassen insbesondere körpernahe Dienste von Professionellen leisten. Sie beugen damit einer emotionalen Überforderung und Burnout-Syndromen vor und verhindern, dass die Pflege sie „auffrisst“. Dies führt dazu, dass Männer sich durch die Pflege weniger stark belastet fühlen als Frauen und eine signifikant geringere depressive Symptomatik aufweisen.

6.
Eine wichtige Voraussetzung für ein größeres Engagement der Männer in der Pflege ist ei-ne Entfeminisierung der Pflegearbeit.


Noch bis Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden Männer in der Mehrzahl der Altenpflegeschulen nicht zugelassen; die Altenpflege galt als Anlernberuf für Hausfrauen. Die Ausgrenzung der Männer besteht – wenn auch in subtiler Form – bis heute. So wendet sich z. B. die Ratgeberliteratur für pflegende Angehörige ausschließlich an Frauen. Dies gilt es zu verändern. Zu fordern ist ein neues Leitbild für Care-Arbeit, das Sorgearbeit als eine Aufgabe für Männer und Frauen beschreibt wie auch eine Aufwertung der Fürsorgetätigkeit beinhaltet. Die tradierte Vorstellung, Pflegearbeit sei allein Frauensache, gilt es zu überwinden.

7.
Die Anerkennung und Wertschätzung unterschiedlicher Männerbilder und die damit verbundene Überwindung einer hegemonialen Männlichkeit wird Männern die Care-Arbeit erleichtern.


Als Mann Pflegeaufgaben wahrzunehmen bedeutet noch immer, sich einer doppelten Stigmatisierung zu erwehren: Zum einen müssen pflegende Männer ihre „Männlichkeit“ beweisen und sich dafür rechtfertigen, dass sie in einer Frauenwelt arbeiten. Weil Krankheit und Pflegebedürftigkeit zum anderen von traditionell Denkenden als unmännlich angesehen wird, bewirkt ein ständiger Umgang mit pflegebedürftigen Männern nicht selten eine permanente Kränkung ihrer männlichen Identität. Deshalb brauchen wir eine Neudefinition von Männlichkeit, die einseitige dominante Männlichkeitsmuster überwindet.

8.
Eine von Frauen und Männern gleichermaßen getragene Pflege erfordert einschneidende Veränderungen in der Arbeitswelt und eine angemessene gesellschaftliche Honorierung.


Schon heute ist deutlich, dass häusliche Pflege und vollzeitige Erwerbsarbeit in der Regel unvereinbar sind. Wir brauchen in der Wirtschaft eine am Lebenszyklus der Menschen orientierte Personalpolitik, die flexible Arbeitszeiten anbietet, die auf die Erfordernisse der Pflegesituation Rücksicht nimmt und persönliche Zeitsouveränität ermöglicht. Noch mangelt es an einer gesellschaftliche Wertschätzung und Honorierung der in diesem Feld geleisteten Arbeit. Dringend geboten ist ein Pflegezeitgesetz, das die Lohnersatzleistungen für Pflegezeit garantiert und eine Lohnfortzahlung bei kurzfristigen Freistellungen analog zum Krankengeld bei Erkrankung von Kindern gewährt. Und schließlich benötigen Familien mit pflegenden Angehörigen Angebote zur Burn-out-Prophylaxe, Kuren zur Erholung und zum Kraftschöpfen.

9.
Notwendig sind Rahmenbedingungen, die die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit von Frauen und Männern und häuslicher Pflege ermöglichen.


Neben der geforderten Flexibilisierung der Arbeitszeit und angemessener Lohnfortzahlung bzw. Lohnersatzleistung bedarf es eines Ausbaus von Tagespflegeeinrichtungen und wohnortnahen Pflegestützpunkten. In einer alternden Gesellschaft sind betrieblich organisierte Tagespflegeangebote ebenso wichtig wie betrieblich unterstützte Kinderbetreuung. Darüber hinaus sind alternative Wohnformen (betreutes Wohnen, Altenwohngemeinschaften und Mehrgenerationenhäuser) zu fördern und unterstützende Netzwerke auszubauen. Schließlich sollte auch das freiwillige bürgerschaftliche Engagement als ein Tätigkeitsfeld von Männern in der nachberuflichen Lebensphase intensiver gefördert werden. Projekte wie „Rentner helfen Rentnern“, Seniorengenossenschaften, das Angebot haushaltsnaher Dienstleistungen oder Initiativen der Nachbarschaftshilfe sind geeignet, älteren Menschen eine selbstständige Lebensführung zu ermöglichen und den Zeitpunkt des Pflegefalls auf später zu verschieben.

10.
Ein Leben in Würde ist ohne eine Aufwertung der Care-Arbeit nicht zu haben.


Noch immer wird in Deutschland die Produktion von Gütern besser honoriert und höher bewertet als die Erziehung von Kindern oder die Pflege Kranker und Alter. Nicht zuletzt um den zukünftigen Konkurrenzen auf dem Arbeitsmarkt zu begegnen und ein Altern in Würde zu ermöglichen, ist eine Höherbewertung der Arbeit mit und am Menschen unumgänglich. Ohne eine deutlich gesteigerte gesellschaftliche wie auch finanzielle Anerkennung der Care-Arbeit werden die künftigen Pflegeaufgaben nicht zu leisten sein.

11.
Anzustreben ist eine deutliche Erhöhung des Anteils der Männer in Pflegeberufen.

Noch sind in den ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen fast ausschließlich Frauen beschäftigt. Deshalb wird es in Zukunft verstärkt darum gehen müssen, die Altenpflege auch für Männer selbstverständlich zu machen. Denn alte Männer brauchen pflegende Männer, die sie als Männer wahrnehmen und männlichen Interessen und Ausdrucksformen Raum verschaffen. Aber auch für die zu pflegenden wie auch die pflegenden Frauen in den Einrichtungen könnten Männer eine Bereicherung darstellen. Schließlich ist der Anspruch auf geschlechtersensible Pflege nach Paragraph 2 des SGB XI, („Die Wünsche der Pflegebedürftigen nach gleichgeschlechtlicher Pflege… (sollten) nach Möglichkeit Berücksichtigung … finden“) ohne männliches Personal nicht zu realisieren.

12.
Der Genderperspektive in der Pflegeforschung ist in Zukunft mehr Raum zu geben.


Männer spielen bisher als Zielgruppe in der Pflegeforschung keine Rolle. Bis heute gibt es kaum Untersuchungen, die nach den Motiven, Interessen und Konflikten pflegender Männer fragen. In der Fachliteratur werden pflegende Männer fast ausschließlich als verzerrte Stereotype dargestellt. Es ist dringend geboten, die Arbeit pflegenden Männer wahrzunehmen. Um mehr Männer für Pflegeaufgaben zu gewinnen, brauch es verlässliche Daten. Andernfalls verliert die berechtigte Forderung „Mehr Männer in die Pflege“ an Glaubwürdigkeit.